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Österreichisch-Türkisches Wissenschaftsforum (OTW)
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18. Juli 2005 - 12:35
Türkische Wissenschaft und die EU

Die europäische Integration der Türkei in der Wissenschaft (1) . Ein Überblick
„Das Wissen wird größer, je öfter man es miteinander teilt.“ (2)
Dr. Ýnanç Atýlgan (3)

Die politische Integration Europas ergibt neue Möglichkeiten für eine umfassende Zusammenarbeit auch auf wissenschaftlichem Gebiet. In diesem Kontext werden Netzwerke europäischer Staaten geschaffen, um auch historische Teilungen zu überwinden.
Angesichts der bi- und multilateralen Wissenschaftskooperatio¬nen innerhalb der EU und mit den beitrittswilligen Staaten stehen wir vor Chancen, durch die wir eine gemeinsame europäische Zukunft näher definieren und gestalten können. Einen interessanten Partner in dieser Hinsicht stellt die Türkei dar, die mit ihren Voraussetzungen als Beitrittskandidat für die Vollmitgliedschaft in die EU eine besondere Stellung einnimmt. Die oberste Priorität des türkischen Regierungsprogramms ist der EU-Beitritt!
Die Türkei unterhält als Beitrittskandidat bis dato die längsten und engsten Beziehungen zur EU:
• Das Assoziationsabkommen in Ankara (1963)
• Türkischer Antrag auf Mitgliedschaft (1987)
• Inkrafttreten der Zollunion (1. Jänner 1996)
• Anerkennung des türkischen Beitrittskandidatenstatus am Gipfel von Helsinki (1999)
• Positive Entscheidung des Europäischen Rats über den Beginn der Beitrittsverhandlungen ab Oktober 2005 (17. Dezember 2004)!
Der Gipfel von Helsinki im Jahre 1999 verpflichtete die Türkei, auch ihr Wissenschaftssystem an das der EU anzupas¬sen. Dies tut die Türkei jedoch schon seit osmanischer Zeit. Heute steht die Türkei in einem besonderen Bereich des Wissenschaftsraums der EU an erster Stelle: Der Anteil der türkischen Frauen unter den Lehrkräften an den Universitäten beträgt 37%. (4) Dies geschah im Zuge der restriktiven republikanischen Reformen in der Türkei, welche die Gender-Frage zum Leitfaden der türkischen Gesellschaft machten.
Die vorliegende Arbeit soll die Grundlinien der Europäisierung der türkischen Wissenschaft in ihrer historischen und aktuellen Entwicklung vorstellen. Im Gesamtkontext der Fragestellung soll den österreichisch-türkischen Wissenschaftsbeziehungen ein eigenes Kapitel gewidmet werden.
Grundlinien der Wissenschaft in der Türkei
a. Entwicklung der Wissenschaft in osmanisch-türkischer Ära
Die wissenschaftliche Tätigkeit der verschiede¬nen Völker hängt zuerst von deren Erziehungs- und Bildungssystem ab. Das osmanisch¬-türkische Schulsystem von seiner Gründung im 13. Jahrhundert bis zum 19. Jahrhundert basierte fast unverändert auf dem Islam. Das Erziehungs- und Bildungssystem ist chronologisch und inhaltlich in drei Abschnitte einzuteilen: Die Zeit der Medrese (5) (Islamische Dominanz bis zu den Tanzimat (6) ), der Mekteb (7) nach europäischem Muster (Parallel zur islamischen Dominanz Beginn der Europäisierung ab den Tanzimat) und der Okul (8) (Durchsetzung der Europäisierung und Konsolidierung der säkularen Bildung in der Zeit der Republik).
Nach einer kurzen Stagnationsphase im 17. Jh. bemühte sich das Osmanische Reich durch Erneuerungsbestrebungen, den Entwicklungen in der Welt zu folgen. Diese neuen Strö¬mungen waren in Europa durch die Renaissance, Refor¬mation und Aufklärung in Bewegung gesetzt worden. Ab dieser Zeit war der Unterschied zwischen Orient und Okzident ein gravieren¬der geworden. Der „Westen“ leistete in der Wissen¬schaft, vor allem in der Naturwissen¬schaft, enorme Fortschritte, wohingegen das Osmanische Reich auf der Basis des Islam immer konservativ blieb und sich gegen Neuerungen stellte. (9) Diese Zeit brachte trotzdem euro¬päische Neuerungen und Ideen mit sich. Der europäische Einfluss bewirkte die Benützung des in Europa längst angewendeten Buchdrucks seit Johannes Gu¬tenberg (1397–1468). 1727 wurde der Buchdruck von Sultan Ahmed III. (regierte 1703–1730) offiziell eingeführt, welches als Meilenstein in der türkischen Wissenschaft angesehen werden kann.
Zum ersten Mal versuchte der osmanische Sultan Mahmud II., 1824 eine allgemeine Schulpflicht für die Volksschule einzuführen. (10) Hauptziel der Schulen war auf jeden Fall die religiöse Erziehung. (11) So musste ein muslimischer Gelehrter ein ausgebildeter Theologe und ebenso auch ein ausge¬bildeter Rechtswissenschaftler sein, wodurch im Osmani¬schen Reich das Bildungswesen der muslimischen Be¬völkerung auch das Rechts¬wesen in den Händen der muslimischen Gelehrten lag: „Die Religion bildete den Aus¬gangs- und den Zielpunkt der Bildung und die Grundlage jeglicher Wissenschaft.“ (12)
Im 19. Jh. gab es parallel „geistliche“ und „weltliche“ Schulbildung, wobei letztere zahlenmäßig geringer war. Wichtig für die Schriftkultur war außerdem die Existenz von Derwischorden in den Städten. Auch eine Erziehung mittels Privatleh¬rer war eine Möglichkeit, die jedoch nur von einer sehr kleinen Schicht genutzt wurde. (13)
Abgesehen von oben genannten, im ganzen Land verstreuten religiösen Bildungs¬zentren gab es folgende Schulen, die von einem Bruchteil der Bevölkerung besucht wurden: Militärische und technische Schulen: Ingenieur- und Marineschulen [mühendishane-i bahr-i hümayun] (1793), Ingenieur- und Pionierschulen [mühendishane-i berr-i hümayun] (1773), Medizinische Hochschule [týbbhane-i amire ve cerrahhane-i ma’mure] (1826), Militärschule [mek¬teb-i ulum-i harbiyye] (1834), Musikschule [musika-yi hümayun] (1834). Allgemeine Bildungsinstitutionen waren Gymnasium [Rüþdiyye] (1839), Literaturwissenschaftliche Schule [mekteb-i ulum-i edebiyye] (1839), Juridicum [mekteb-i ma’arif-i adliyye] (1838). Es handelt sich dabei um Erstgründungen.
Das Charakteristikum der Tanzimat–Periode (1839-1876) war es, ein neues Reformkonzept ein¬zuführen und es auf alle Bereiche des osmanischen Lebens auszudehnen. Als einer der vier Schwerpunkte der Reform stellte das Erziehungswesen einen wichti¬gen Aspekt dar. Das Hauptziel dieses Punktes war es, die traditionellen Schulen, d.h. die Medresen, die religiös orientiert waren, durch ein neues säkulares Schulsy¬stem zu ersetzen.
1857 wurde die Wissenschaftsinstitution Ma’arif-i umumiyye gegründet, die dem französischen Bil¬dungssystem entsprach. 1869 veröffentlichte die Institution eine erste Reformliste. In dieser Hinsicht nahm sie sich das französische Bildungssy¬stem als Beispiel. Diese Re¬formen beinhalteten die Volksschulpflicht, und in der allge¬meinen Bildung die Einteilung der Schulzeit nach europäischem System.
In der Regierungszeit von Sultan Abdülaziz I. (regierte 1861–1876) gab es vier ver¬schiedene Bildungseinrichtungen. Diese waren staatliche Bildungseinrichtungen, Medre¬sen, Minderheitenschulen und Fremdschulen. Die staatlichen Schulen waren diejenigen, die schon in der Zeit von Sultan Mahmud II. (regierte 1803-1839) gegründet wurden.
Die erste Universität im westlichen Sinn wurde am 12. Jänner 1863 eröffnet. Man lehrte dort als generelle Linie Physik, Chemie, Geographie und Astronomie. Die Universität wurde ein Jahr nach ihrer Gründung wegen damaliger politischer Turbulenzen geschlossen. Ihre Nachfolgerin Dar ül-Fünun-i Osmani begann mit dem Unterricht am 20. Februar 1870. Sie erfüllte alle Voraussetzungen einer europäischen Universität. Französisch war neben Tür¬kisch und Arabisch offizielle Sprache der Universität. 1872 wurde auch diese In¬stitution aus politischen Gründen ge¬sperrt. Sie wurde im Jahre 1900 zum zweiten Mal gegründet.
Die Schulen Galatasaray Sultanisi (14) und Robert College (15) spielten im Erziehungsle¬ben des Osmanischen Reiches eine sehr wichtige Rolle. Diese wurden ohne Unter¬brechung im westlichen System geführt.
Im Kulturleben der Osmanen spielte die 1851 gegeründete Encümen-i Daniþ, Osmanische Akademie der Wissenschaften, eine wichtige Rolle. Sie wurde auch nach einem weltlichen Muster gegründet und hatte vor, Wissenschaft nach den Entwicklungen im Westen zu betreiben. (16)
Die Verfassung von 1876 (Erste Konstitutionelle Monarchie) garantierte den Unter¬tanen gleiches Recht im Gesetz, sie durften beim Zugang zu den Schulen und öf¬fentlichen Ämtern nicht diskriminiert werden. Unter Sultan Abdülhamid II. (regierte 1876–1908) wurde das Erziehungswesen schließlich ver¬vollständigt, und nachdem endlich genügend Schüler mit richtigen Voraussetzungen vor¬handen waren, eröff¬nete man eine Universität in Istanbul. Schulen für Finanzwesen, Recht, Handel, Bauwesen, Veteri¬närmedizin und die Schönen Künste wurden eröffnet, die Verwaltungs- und Offi¬ziersschulen erweitert. Außerdem wurde im Land ein Netz von hervorragenden staatlichen Bibliotheken aufgebaut.
Nachdem 1908 im Osmanischen Reich die Zweite Konstitutionelle Monarchie einge¬führt worden war, erhöhte man unmittelbar danach die Zahl der Fakultäten in Istanbul auf fünf. Die Zeit bis 1918 war für das Schulsystem trotz des Ersten Welt¬kriegs sehr reich an Erneuerungen.
In den letzten Jahren des Osmani¬schen Reiches kamen aus vielen europäischen Ländern Gelehrte ins Land, die aber nach dem Untergang des Reiches in ihre Heimatländer zurück¬kehrten. Die Zahl der Studenten ging in den Jahren des Ersten Weltkriegs und bis 1923 rapide zurück.

b. Entwicklung der Wissenschaft in der türkisch-republikani¬schen Ära
In der osmanischen Zeit gingen die westlichen und die konservativen Schulen Hand in Hand, und 1924, nachdem das Osmanische Reich nicht mehr exi¬stierte, erfolgte der letzte Schlag gegen die konservativen Schulen (Medrese): Am 3. März 1924 wurde das Gesetz Tevhid-i Tedrisat verabschiedet, mit dem das Ende des Medresesystems gekommen war. Das gesamte Medresesystem wurde in eine theolo¬gische Fakultät wie an einer west¬lichen Universität umorganisiert. 1927 wurde als ein Ergebnis all dieser Bestrebungen die erste Rechtsanwältin graduiert.
In den 20er Jahren des 20. Jh.s hatte die Türkei eine sehr hohe Analphabetenrate. Mit dem Alphabetwechsel erlitt sie einen großen Schock, und die Lesekultur sank in der Folge auf ein Minimum. Um diesen Rückschlag beseitigen zu können, entwickelte die junge Republik ein besonderes Programm, in dem sie radikale Vorgehensweisen einsetzte: Am 3. November 1928 wurde das Gesetz für die Schriftreform verabschie¬det und erlangte sofort Gültigkeit. Ab 1. Jänner 1929 war die Verwendung der arabischen Schrift für die türkische Sprache innerhalb der Türkei verboten. Die Regierung investierte viel ins Druckwesen und gründete ab Jänner 1929 Millet Mektebleri (Nationale Schulen), in denen die Bevölkerung in der neuen Schrift un¬terrichtet wurde.
Die kemalistischen Reformen bedeuteten im Bildungswesen, einem wesentlichen Teil des „türkischen Maximalprogramms“ (17) , die Ergänzung des „al¬ten Wissens“ (ilim) durch das „neue Wissen“ (bilim), das europäisch und daher ein Zeichen für die moderne und fortschrittliche Welt war. Erster österreichischer Botschafter in der Türkei, August Ritter von Kral, schrieb 1935 diesbezüglich im Zusammenhang mit der Säkularisierung des Staates folgendermaßen: „Sie [Mustafa Kemal und seine Weggefährten] haben aus der Überzeugung herausgehandelt, daß die Verquickung der geistlichen Macht mit der weltlichen und die damit zusammenhängende Vorherrschaft des ja doch meist ungebildeten und fanatischen mohammedanischen Klerus die Hauptschuld an der Unwissenheit und Rückständigkeit des türkischen Volkes trugen und daher beseitigt werden“. (18)
1933 wurde mit Hilfe von österreichischen und deutschen Wissenschaftlern, die in der Nazizeit in der Türkei Zuflucht fanden, die erste Universitätsreform verwirklicht. Diese hatte es sich zum Ziel gesetzt, Lehre, Ausbildung und Forschung auf einen zeitgenössischen Stand zu bringen. Dies gilt als Beginn der modernen wis¬senschaftlichen Lehre und Forschung in der Türkei.
In den 60er Jahren begann die Periode der staatlichen Entwicklungspläne und da¬mit auch die Formulierung einer Wissenschaftspolitik. Die wichtigste Entwicklung war die Gründung des Türkischen Wissenschafts- und Technologierats (Turkish Scientific Research Council / Türkiye Bilimsel ve Teknik Araþtýrma Kurumu – TÜBITAK (19) ) im Jahre 1963. Sie berät die Regierung bei der Fest¬legung der Wissenschafts- und Technologiepolitik und finanziert zum Teil die For¬schungsarbeiten der Universitäten sowie des öffentlichen und privaten Sektors. TÜBITAK ist seit 1983 auch das Sekretariat des Hohen Rats für Wissenschaft und Technologie. In der Türkei gibt es derzeit kein eigenes Wissenschaftsministerium.
Eine weitere Neuregelung der Wissenschaft erfolgte in den 80er Jahren. Die Universitäten wurden 1981 mit einem Gesetz neu strukturiert. 1983 wurde der Hohe Rat für Wissenschaft und Technologie (Bilim ve Teknoloji Yüksek Kurulu) als höchstes Organ im Wis¬senschafts- und Technologiesystem errichtet, der die Forschungspolitik bestimmt. Dieser Rat besteht aus den zuständigen Mini¬stern und den Vertretern der betreffenden Institutionen.
1981 wurden alle Universitäten und Hochschulen in der Türkei dem Hochschulrat (Yüksek Öðretim Kurumu-YÖK (20) ) unterstellt.
Der Höhepunkt der Entwicklung in der Wissenschaft der 90er Jahre war die Gründung der Türkischen Akademie der Wissenschaften (Türkiye Bilimler Akademisi – TÜBA (21) ), die über wissenschaftliche, verwaltungsmäßige und finanzielle Autonomie verfügt.
Das derzeitige türkische Hochschulsystem entspricht dem des west¬euro¬päischen. Heute gibt es in der Türkei 57 staatliche, 24 private (Stiftungsuniversitäten/Vakýf Üniversiteleri), 2 Universitäten mit besonderem Status (in Kasachstan und Kirgisien) und 5 Universitäten in der Tür¬kischen Republik Nordzypern. (22)
Bei internationalen Publikationen machte die Türkei in den letzten Jahren wichtige Fortschritte. Im wissenschaftlichen Verweisindex hatte die Türkei 1981 in der Welt¬liste den 42. Platz, wobei sie 1999 auf den Platz 25 stieg. (23)

c. Türkische Involvierung im internationalen Wissenschaftsbereich
Am Gipfel von Lissabon 2000 bestätigten die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten den Status der wissenschaftlichen Forschungspolitik als zentralen Pfeiler der europäischen Strategie auf dem Weg zur wissensbasierten Wirtschaft und beschlossen das strategische Ziel, bis zum Jahre 2010 der „wettbewerbsfähigste und dynamischste wissensbasierte Wirtschaftsraum der Welt“ zu werden. Die Gesamtausgaben für Forschung, Entwicklung und Innovation in der EU sollen bis dahin auf 3% des BIP, der Anteil des privaten Sektors an diesen Neuinvestitionen auf 2/3 gesteigert werden.
Die Türkei ist im Bereich der Forschung und Wissenschaft bilateral, multilateral und regional in verschiedene Kooperationen involviert. Die bilateralen Kooperatio¬nen werden mit der Unterzeichnung von Abkommen zwischen Regierungen oder zwi¬schen dem Türkischen Wissenschafts- und Technologierat, TÜBITAK, und ausländischen Einrichtungen beschlossen. TÜBITAK ist die türkische wissenschaftliche Institution, die auch für EU-Rahmenprojekte zuständig ist. (24) Die Türkei ist seit 1. Jänner 2003 im 6. Rahmenprogramm assoziiert und daher ein “fully paid-up member“ des 6. Rahmenprogramms. Dieser Schritt kann im Prozess der Europäisierung der türkischen Forschung als einen Quantensprung betrachtet werden. (25) Durch diese Entwicklung wird es zu einem Anstieg der Forschungs- und Entwicklungsausgaben der Türkei kommen und die Rolle des Privatsektors und der kleinen und mittleren Unternehmen in der Forschungs- und Technologieentwicklung gestärkt. Im Rahmen dieser Beteiligung nehmen Vertreter der Türkei als Beobachter an Sitzungen des Programmausschusses für das sechste Rahmenprogramm teil.

Im Jahr 2003 wurde das Türkische Forschungs- und Unternehmensbüro in Brüssel, Brussels Office of the Public-Private Parnership of Turkish Research and Business Organisations (Tur&Bo), eröffnet, das vor allem folgende Aufgaben hat:
• Begleitung der Tätigkeiten des sechsten Rahmenprogramms;
• Aufbau engerer Beziehungen zur Gemeinschaft und zu Forschungsbüros anderer Länder;
• allgemeine Wahrnehmung der türkischen Interessen (Lobbyarbeit). (26)

Ein wesentlicher Aspekt der türkischen Forschungspolitik ist außerdem dem Zeitraum 2003–2023 gewidmet, da die türkische Republik 2023 ihr 100jähriges Jubiläum feiert.
1995 wurde in Spanien die Barcelona Erklärung im Rahmen der Euro-Mediterranean Conference (27. und 28. November 1995) verabschiedet. Vertreter der EU und aus 12 Mittelmeerländern, inklusive die der Türkei, unterschrieben eine Erklärung, die die neue Euro-Mediterrane Partnerschaft betrifft, und die einen Rahmen für politische, ökonomische, kulturelle und soziale Schnittstellen zwischen den Partnern schafft.

Viele türkische Universitäten sind individuelle Mitglieder der European University Assocation (EUA), ebenso Mitglied ist deren übergeordnete Vertretung, die Türkische Rektorenkonferenz (YÖK). Die Türkei nahm 2004 erstmals aktiv an SOKRATES und LEONARDO da VINCI teil. Zum Beispiel profitieren Studierende aus 30 europäischen Ländern, darunter auch türkische, vom Mobilitätsprogramm ERASMUS, welches Studienaufenthalte in anderen Ländern ermöglicht. (27) All diese Schritte seitens der Türkei bedeuten Teilnahme der Türkei am „Bologna-Prozess“, der freiwilligen Annäherung an die Hochschulsysteme der europäischen Staaten, und dadurch eine zunehmende Integration der Türkei im europäischen Hochschulraum.

e. Ein Abriss der österreichisch-türkischen Beziehungen in der Wissenschaft
Die österreichischen wissenschaftlichen Institutionen im Bereich der gegenseitigen Forschung, deren Großteil heute noch immer besteht, waren unter den ersten ihrer Gattung in Europa. Der bekannte türkische Weltenbummler Evliya Çelebi, der 1665 die osmanische Gesandtschaft von Kara Mehmed Pascha nach Wien begleitete, widmete den siebenten Band seines Fahrtenbuches (28) (Seyahatname) der Beschreibung Wiens und schreibt über die einzige Bibliothek, die er in der Stadt gesehen hat, folgendermaßen: „Einige dienstbare Mönche betreuen diese gewaltige, wirklich sehenswerte Bibliothek mit einer derartig umfassenden Sammlung wertvoller Bücher, wie sie sonst kein Land mehr besitzt. [...] Gewiß auch in den Moscheen des Sultan Barkuk und des Sultan Farac in Kairo sowie in der Moschee des Eroberers und in der Süleymaniye, in der Moschee des Sultans Bayezid-i Veli und in der Neuen Moschee in Istanbul gibt es Sammlungen von Büchern, deren Zahl nur Allah, der Herr der Welten, weiß aber die Bücherei der Stephanskirche hier in Wien ist noch größer. [...] Nun, mit der Erlaubnis des Oberpriesters der Kirche habe ich Geringer diese Bibliothek betreten und besichtigt und in Augenschein genommen, wobei mir das Gehirn vom Dufte des Moschus und der puren Ambra durchräuchert wurde.“ (29)
1754 erfolgte die Stiftung einer Orientalischen Akademie durch Kaiserin Maria Theresia. Im Rahmen der Orientalischen Akademie wurde 1851 eine k.k. Öffentliche Lehranstalt für orientalische Sprachen in Wien etabliert, die sich auf das Osmanischtürkische konzentrierte und so in etwa einer Dolmetsch¬ausbildung der heutigen Zeit entsprach. Aus dieser Schule stammten neben vielen Wissenschaftlern auch viele österreichische Diplomaten, die so bis zum Jahr 1918 auf eine Ausbildung in Türkisch zurückgreifen konnten.
Einer der bekanntesten Orientalisten der Welt, Joseph von Hammer-Purgstall, war Hofdolmetsch (1807), Wirklicher Staats¬kanzleirat (1811), und von 1847–1849 erster Präsident der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, der heutigen Österreichischen Akademie der Wissenschaften, deren Gründung auf den Orientalisten zurückgeht.
In der Zeit knapp vor dem Zweiten Weltkrieg und währenddessen konnten viele gefährdete österreichische Ge¬lehrte und Künstler, sowohl Juden als auch Sozialisten und Kommunisten, in die Türkei emigrieren und sich damit vor dem nationalsozialistischen Regime retten. Sehr viele nam¬hafte österreichische Wissenschaftler bauten in der Türkei an den Universitäten Institute auf und schrieben Lehrbücher. (30)
Die österreichisch-türkische wissenschaftliche Zusammenarbeit ist besonders im Bereich der Medizin und Archäologie ausgeprägt. Wissenschaftliche Kooperationen wurden vom Österreichischen Kulturforum (vormals Österreichisches Kulturinstitut) in Istanbul seit seiner Gründung im Jahre 1963 geregelt, wobei sich der Schwerpunkt dieses Forums auf die Kulturbeziehungen zwischen den beiden Staaten konzentriert.
Die österreichisch-türkischen Kooperationen sind derzeit im Bereich der Wissenschaft – abgesehen von den österreichischen Ausgrabungen in Ephe¬sus – sehr mager und benötigen daher neue Impulse. Es gibt bis dato kein Kulturabkommen zwischen den beiden Staaten, geschweige denn ein Memorandum für Kooperationen in Bildung und Forschung.
Während Österreich mit seinem Kulturforum Istanbul (31) , Informationszentren in Istanbul und Urfa, der größten österreichischen Auslandsschule St. Georgs-Kolleg Istanbul (32) und der archäologischen Grabung in Ephesos (33) eine starke Präsenz in der Türkei zu zeichnen hat (34) , hat die Türkei in Österreich auf staatlicher Ebene nicht einmal eine kleine Institution, die als Pendant zu den österreichischen Vertretungen in der Türkei angesehen werden könnte.
Schwerpunkte der wissenschaftlichen Tätigkeit Österreichs in der Türkei sind hauptsächlich der Kultur gewidmet und liegen daher auf dem Ausstellungs- und Filmsektor, der Musik und der Literatur (Lesungen). Am 18. Juni 2004 wurde ein Memorandum of Understanding über eine verstärkte kulturelle Zusammenarbeit der beiden Länder unterzeichnet.
Seit 1997 gibt es eine bilaterale Vereinbarung für Wissenschaftleraustausch zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Türkischen Akademie der Wissenschaften (TÜBA).
Der Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung (FWF) förderte seit 1996 sechs wesentliche, türkeispezifische Forschungsprojekte im Bereich der Kulturwissenschaften (Archäologie, Sprachwissenschaft, Turkologie, Geschichte etc.). (35)
Österreich und die Türkei pflegen traditionelle zwischenuniversitäre Beziehungen im Bereich der Medizin, Montanwissenschaften, Germanistik, Archäologie, Musik, Orientalistik etc. Folgende vertragliche bilaterale Vereinbarungen der Universitäten können hier als Beispiel dienen:
• Technische Universität Wien + Yýldýz Technical University, Istanbul im Bereich Ingenieurwissenschaften und technische Naturwissenschaften; seit 1998
• Universität für Bodenkultur Wien + Istanbul Üniversitesi /Forstwissenschaftliche Fakultät, im Bereich Forstwirtschaft; seit 1997
• Universität Salzburg (Forschungsinstitut für Organizational Behaviour) + Istanbul Üniversitesi (Betriebswirtschaftliches Institut) auf Institutsebene im Bereich Organisationspsychologie; seit 1991
• Leopold-Franzens-Universität Innsbruck (Institut für Deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik) + Uludað Üniversitesi, Bursa auf Institutsebene; seit 2001.
• Die Technische Universität Wien hat z.B. ERASMUS-Kooperationen mit Yýldýz Technical University (Istanbul), Istanbul Technical University, Çankaya-University (Ankara), Sabancý University (Istanbul).
• European Credit Transfer System (ECTS)-Pilotprojekt im Rahmen von ERASMUS zwischen der Johannes Kepler Universität in Linz und der Marmara University in Istanbul.
Die Kontakte zwischen den beiden Ländern auf Rektorenkonferenzebene sind intensiv, vor allem im Rahmen der European University Association (EUA), der "europäischen Rektorenkonferenz".
Es gibt weitere Initiativen, auch auf der Basis der Schönen Künste: Die Akademie der Bildenden Künste führt Sondierungsgespräche mit drei türkischen Kunstschulen. Die Universität Mozarteum steht mit Einrichtungen in Ankara und Istanbul im Kontakt. Die Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz kooperiert mit der Bilkent University in Ankara.
An den österreichischen Universitäten gibt es ca. 2000 türkische Studierende, während in der Türkei ca. 40 Österreicherinnen und Österreicher studieren. Türkische Studierende und Graduierte können sich im Rahmen der einseitigen Stipendienprogramme des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur („Österreich-Stipendium“, "Ernst Mach-Stipendien", „Bertha von Suttner-Stipendium“ u. „Franz Werfel-Stipendium“) um Stipendien für Österreich bewerben.
Die Ergebnisse des Workshops „Science and Technology“ im Rahmen der Tagung „80 Jahre Republik Türkei im Lichte der österreichisch-türkischen Beziehungen“ (29.-31. Oktober 2003) zeigten laut Sektionschef i.R. Dr. Raoul Kneucker auf, „dass Wissenschaftsbeziehungen – und zwar Universitätskooperationen in Lehre, Forschung und Personenaustausch, vor allem der Studierenden und der Jungforscher/innen, sowie gemeinsame Forschungsprojekte unter allen Forschungseinrichtungen, sowohl bilateral und multilateral als auch ganz besonders in den europäischen Forschungsprogrammen, als wichtige und positive zwischenstaatliche Maßnahmen angesehen werden; dass insbesondere Forschungskooperationen in Europa Instrumente der europäischen Integrationspolitik darstellen, wie die laufende Erweiterung der EU beweist, und dass Forschungskooperationen eine Vorreiterrolle und Einübung der Forscher/innen als Bürger/innen in die internationale Zusammenarbeit bieten. Es sollte daher staatliche Politik sein und bleiben, solche strategischen Kooperationen zu fördern. Konkret vorgeschlagen wurde eine regelmäßig wiederkehrende Diskussion und Prüfung der Entwicklung der Wissenschaftsbeziehungen zwischen Österreich und der Türkei, unter Beteiligung anderer europäischer Länder.“ (36)

Fazit

Die Türkei ist ein integrierter Bestandteil der europäischen Wissenschaft. Diese Integration begann nicht anlässlich der EU, oder des Gipfels von Helsinki 1999, sondern viel früher, schon in osmanisch-türkischer Ära.
Der türkische Aspekt in den zukunftsspezifischen Entwicklungen der EU ist eigentlich eine Bewährungsprobe der Identitätsbestimmung für die EU selbst. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem möglichen Beitritt der Türkei setzt voraus, den Inhalt des “Europäischen” näher zu definieren. Die wissenschaftliche Integration der Türkei in Europa kann daher der beste Weg dahin sein, auf dem die EU und die Türkei sich reziproken Herausforderungen stellen können. Diese sind die Anpassungsleistung und die Selbstdefinition beider Seiten. Die so genannte politische und kulturelle “Andersheit” der Türkei als Isolierungsmerkmal kann auf der Basis der Wissenschaft beseitig werden.

In diesem Sinne: SCIENTIA UNIT (37) .



FUSSNOTEN:

1. Mit dem Begriff „Wissenschaft“ werden hier im Allgemeinen die Bildungs- und Forschungssysteme bezeichnet.
2. Türkischer Leitspruch.
3. Univ. Ass. am Institut für Geschichte der Wirtschafts- und Technologieuniversität der Union der Türkischen Kammern und Börsen (TOBB-ETÜ, www.etu.edu.tr), Wissenschaftlicher Leiter des Österreichisch-Türkischen Wissenschaftsforums (OTW, www.otw.co.at) und bis vor kurzem Mitarbeiter der Abteilung für Internationale Forschungskooperationen des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur (BMBWK, www.bmbwk.gv.at).
4. In Österreich beträgt der Frauenanteil an den Universitäten 9% (Quelle: Statistisches Taschenbuch 2004, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, p. 65). Für eine diesbezügliche europaweite Studie siehe das Commission Staff Working Document „Women and Science: Excellence and Innovation – Gender Equality in Science. Commission of the European Communities. Brussels, 11. 3. 2005 (SEC(2005) 370).
5. Das arabische Wort für die Universität.
6. Die Tanzimat, Periode der Neuordnungen, bezeichnet die Ära ab dem 3. November 1838 bis 1876. Die Gestaltung der Reformen wurde damals von Europa, vor allem von Frankreich beeinflusst. Die Ära wird heute allgemein als der Anfang der Verwestlichung und Modernisierung der Türkei angesehen.
7. Das arabische Wort für die Schule.
8. Das türkische Wort für die Schule.
9. Für genauere Information cf. Faroqhi, Suraiya: Kultur und Alltag im Osmanischen Reich. Vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. München 1995, p. 111–113.
10. Vergleichsweise wurde die allgemeine Schulpflicht in Österreich von Maria Theresia bereits im Jahre 1774 angeordnet.
11. Faroqhi 1995, p. 208.
12. Spuler, Bertold: Die Minderheitenschulen der europäischen Türkei von der Reformzeit bis zum Weltkrieg (mit einer Einleitung über das türkische [mohammedanische] Schulwesen). Breslau 1936, p. 1.
13. Faroqhi 1995, p. 208.
14. www.gsl.gsu.edu.tr/html_eng/000/000.html
15. Seit dem 10. September 1971 staatlich und heißt heute Boðaziçi Üniversitesi. www.boun.edu.tr/about/history.html
16. Matuz, Josef: Das Osmanische Reich. Darmstadt 19943, p. 228.
17. Bischoff p. 114.
18. Kral, August: „Das Land Kamâl Atatürks” 1935 Wien, p. 10. Das Buch wurde 1938 ins Englische (Kamâl Atatürk’s Land) und ins Französische (Le Pays de Kamâl Atatürk) übersetzt. Es liegt bisdahin keine türkische Übersetzung vor.
19. www.tubitak.gov.tr
20. www.yok.gov.tr
21. www.tuba.gov.tr
22. Für mehr Information cf. www.yok.gov.tr
23. Für weiter Informationen cf. Baysal, Bahattin: „Cumhuriyet Döneminde Türkiye’de Bilim“ [Wissenschaft in der republikanischen Epoche]. In: Türkiye Cumhuriyeti’nin 75. Yýlýnda TÜBA Konferanslarý I. Ankara 1999, p. 3–14.
24. Für bilaterale Abkommen, Abkommen zwischen TÜBITAK und ausländischen Einrichtun¬gen, regionale Zusammenarbeiten von TÜBITAK, wissenschaftliche Kooperationen der Türkei mit internationalen In¬stitutionen cf. www.tubitak.gov.tr/uidb/.
25. Die Türkei beteiligte sich am 5. Rahmenprogramm der EU auf Projektbasis. Im Juni 2002 verabschiedete die türkische Große Nationalversammlung ein Gesetz, das die volle Beteiligung des Landes am 6. RP für Forschung und technologische Entwicklung ermöglicht.
26. Für mehr Information siehe www.otw.co.at/otw/index.php/e/a/195.
27. Für mehr Information siehe www.ua.gov.tr/portal/page?_pageid=240,36440&_dad=portal&_schema=PORTAL .
28. Für die Wissenschaft wurde dieses Werk von dem bekannten österreichischen Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall (1774-1856) entdeckt.
29.R.F. Kreutel – E. Prokosch: Im Reiche des Goldenen Apfels. Graz 1987, p. 155.
30. Für weitere Informationen cf. Tomenendal, Kerstin: Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien 2000, p. 62ff.
31.www.austriakult.org.tr/index-de.htm
32. www.sg.edu.tr
33. www.ephesos.at/
34. „Das österreichische Lektorat“ in Istanbul, wurde 2000 aufgrund unüberbrückbarer Schwierigkeiten mit der Gastanstellung nicht mehr nach besetzt.
35. Für mehr Information cf. www.fwf.ac.at
36. www.otw.co.at/otw/index.php/g/a/144 .
37. Motto des Österreichisch-Türkischen Wissenschaftsforums (www.otw.co.at).

 
Die Intensivierung österreichisch-türkischer Wissenschafts-, Kultur- und Bildungskooperationen nicht nur auf bilateraler Basis sondern auch im Kontext der Europäischen Union stellt die prioritäre Aufgabe des OTW dar. Denn: Das Wissen wird größer, je öfter man es miteinander teilt.