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News / Wissenschaft
29. Jänner 2003 - 20:53
Wissenschaft in der Türkei

Entwicklung der Wissenschaft und Forschung
in türkisch-republikanischer Ära

In der osmanischen Zeit gingen die westlichen Schulen und die konservativen Schulen Hand in Hand, und 1924, nachdem das Osmanische Reich nicht mehr existierte, erfolgte der letzte Schlag gegen die konservativen Schulen (medrese): Am 3. März 1924 wurde das Gesetz Tevhid-i Tedrisat verabschiedet, mit dem das Ende des Medresesystems gekommen war. Das gesamte Medresesystem wurde in eine theologische Fakultät wie an einer westlichen Universität umorganisiert. 1927 wurde als ein Ergebnis all dieser Bestrebungen die erste Rechtsanwältin graduiert.
In den 20er Jahren des 20. Jh.s hatte die Türkei eine Analphabetenrate von 90%, mit dem Alphabetwechsel erlitt sie einen weiteren Schock, und die Lesekultur sank in der Folge auf ein Minimum. Um diesen Rückschlag beseitigen zu können, entwickelte die junge Republik ein besonderes Programm, in dem sie radikale Vorgehensweisen einsetzte: Am 3. November 1928 wurde das Gesetz für die Schriftreform verabschiedet und erlangte sofort Gültigkeit. Ab 1. Jänner 1929 war die Verwendung der arabischen Schrift für die türkische Sprache innerhalb der Türkei verboten. Die Regierung investierte viel ins Druckwesen und gründete ab Jänner 1929 Millet Mektebleri (Nationale Schulen), in denen die Bevölkerung in der neuen Schrift unterrichtet wurde.

Die kemalistischen Reformen bedeuteten im Bildungswesen die Ergänzung des „alten Wissens“ (ilim) durch das „neue Wissen“ (bilim). Andrew MANGO schrieb in seinem Artikel „The Kemalist Project: The Struggle between New Knowledge (bilim) and Old Knowledge (ilim) in Turkey“, abschließend: „To the acquisition of knowledge there is, of course, no end. But as a professional observer of Turkey for the last fifty years, I have myself seen such a phenomenal growth in the stock of modern skills in the country, and such a proliferation of contacts between Turkey and the outside world, that I have no doubts that the Kemalist project has succeeded in its essentials, and that what has been learned cannot be unlearned.“ (Mango Entwurf p. 17)

1933 wurde mit Hilfe von österreichischen und deutschen Wissenschaftlern, die in der Nazizeit in der Türkei Zuflucht fanden, die erste Universitätsreform verwirklicht. Diese hatte es sich zum Ziel gesetzt, Lehre, Ausbildung und Forschung auf einen zeitgenössischen Stand zu bringen. Dieses Gesetz gilt als Beginn der modernen wissenschaftlichen Lehre und Forschung in der Türkei.

In den 60er Jahren begann die Periode der staatlichen Entwicklungspläne und damit auch die Formulierung einer Wissenschaftspolitik. Die wichtigste Entwicklung war die Gründung der Türkischen Wissenschaftlichen und Technischen Forschungsgemeinschaft (Türkiye Bilimsel ve Teknik Araþtýrma Kurumu – TÜBITAK, www.tubitak.gov.tr) im Jahre 1963, welche verwaltungsmäßig und finanziell autonom ist. Sie berät die Regierung bei der Festlegung der Wissenschafts- und Technologiepolitik und finanziert zum Teil die Forschungsarbeiten der Universitäten sowie des öffentlichen und privaten Sektors. TÜBITAK ist seit 1983 auch das Sekretariat des Hohen Rats für Wissenschaft und Technologie.

In jenen Jahren wurden weiters im Rahmen der Atomenergieanstalt die nuklearen Forschungs- und Ausbildungszentren in Ankara und Cekmece (Istanbul) gegründet.

Eine weitere Neuregelung der Wissenschaft und Forschung erfolgte in den 80er Jahren. Die Universitäten wurden 1981 mit einem Gesetz neu strukturiert. 1983 wurde der Hohe Rat für Wissenschaft und Technologie als höchstes Organ im Wissenschafts- und Technologiesystem (Bilim ve Teknoloji Yüksek Kurulu) (errichtet Am 4. Oktober 1983 mit dem Gesetz Nr. 18181), der die Forschungspolitik bestimmt. Dieser Rat besteht aus den zuständigen Ministern und den Vertretern der betreffenden Institutionen. Er wird vom Ministerpräsidenten geleitet. Die wesentlichen Aufgaben dieses Rats sind:

• Unterstützung der Regierung bei der Bestimmung der langfristigen Wissenschafts- und Technologiepolitik;
• Ziele in der Forschung und Entwicklung festzulegen;
• Die vorrangigen Gebiete in Forschung und Entwicklung zu bestimmen;
• Die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von öffentlichen Einrichtungen im Rahmen der Forschungs- und Entwicklungspläne und Programme mit Aufgaben zu beauftragen.

1981 wurden alle Universitäten und Hochschulen in der Türkei dem Hochschulrat (Yüksek Öðretim Kurumu-YÖK, www.yok.gov.tr) unterstellt.

Der Höhepunkt der Entwicklung in der Wissenschaft und Forschung der 90er Jahre war die Gründung der Türkischen Akademie der Wissenschaften (Türkiye Bilimler Akademisi - TÜBA, www.tuba.gov.tr), die über wissenschaftliche, verwaltungsmäßige und finanzielle Autonomie verfügt. 1995 wurde eine staatliche Unterstützung bei Projekten der Forschungsabteilungen in der Industrie beschlossen. Der türkische Staat kann demgemäß für 50% der Forschungskosten eines industriellen Betriebs aufkommen.

Das derzeitige türkische Bildungssystem entspricht in jeder Hinsicht dem des westeuropäischen. Heute gibt es in der Türkei 53 staatliche, 19 private (Vakýf) und 2 Universitäten mit besonderem Status (in Kasachstan und Kirgisien) und in der Türkischen Republik Nordzypern 5 Universitäten. Die Istanbuler Bati Universität wird nach dem bilateralen Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei gerade errichtet.

Die Ausgaben in der Türkei für Forschung im Jahre 1997 machen mit 915.000.000,- US-Dollar 4,9 Promille des Bruttoinlandsproduktes aus.

• 57,2% dieser Ausgaben stammen aus den Hochschulen;
• 32,3% aus kommerziellen Kreisen;
• 10,5% aus der öffentlichen Hand.

1997 arbeiteten in der Türkei an Hochschulen insgesamt 23.432 Forscher (Türkei-Almanach 2000 (im Auftrag der Generaldirektion des Presse- und Informationsamtes des Ministerpräsidiums von der Türkischen Nachrichtenagentur erstellt. Istanbul 2000, p. 381. In den Industrieländern machen die Ausgaben für Forschung 2–2,5% des Bruttoinlandsproduktes aus, wonach sich die türkischen Ausgaben für Forschung und Wissenschaft nicht ausreichend zeigen. Für weitere Informationen cf. p. 26–28.)

Bei internationalen Publikationen machte die Türkei in den letzten Jahren wichtige Fortschritte. Im wissenschaftlichen Verweisindex hatte die Türkei 1981 in der Weltliste den 42. Platz, wobei sie 1999 auf den Platz 25 stieg (für weiter Informationen cf. Baysal, Bahattin: „Cumhuriyet Döneminde Türkiye’de Bilim“ [Wissenschaft in der republikanischen Epoche]. In: Türkiye Cumhuriyeti’nin 75. Yýlýnda TÜBA Konferanslarý I. Ankara 1999, p. 3–14)

 
Die Intensivierung österreichisch-türkischer Wissenschafts-, Kultur- und Bildungskooperationen nicht nur auf bilateraler Basis sondern auch im Kontext der Europäischen Union stellt die prioritäre Aufgabe des OTW dar. Denn: Das Wissen wird größer, je öfter man es miteinander teilt.