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Österreichisch-Türkisches Wissenschaftsforum (OTW)
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2. Februar 2003 - 18:13
Univ. Prof. Dr. Nejat Göyünç (1925–2001)

Von Feindschaft zu Freundschaft: österreichische und türkische Kulturbeziehungen [Auf den Spuren der Osmanen in der österreichischen Geschichte. (=Wiener Osteuropa Studien, Band 14) Frankfurt am Main 2002 (Peter-Lang Verlag)p. 87-98]

Ich will meinen Vortrag mit einer Erinnerung beginnen.
Es sind etwa sechzehn Jahre vergangen, seitdem die Österreichisch-Türkischen Tagungen in Istanbul und in Ankara 1983 stattgefunden haben. Der Anlaß dafür war das Jubiläum der Zweiten Belagerung Wiens durch die Osmanen 1683. Das erste Symposium, veranstaltet vom Österreichischen Kulturinstitut in Istanbul und dem Institut für die Erforschung der Prinzipien Atatürks und der Geschichte der Türkischen Universität Bosporus, fand vom 19. bis 21. April 1983 in Istanbul unter dem Titel „Türkiye-Avusturya. Bir dostluğun oluşumu“ [Die Türkei und Österreich. Das Werden einer Freundschaft] statt. Dabei wurden zwanzig Referate gehalten, acht dieser Referate wurden in der Zeitschrift The Journal of Ottoman Studies publiziert.
Im Anschluß an die Begegnung in Istanbul fand ein weiteres Symposium in Ankara vom 25. bis 27. April 1983 unter dem Thema „17.–20. Yüzyıllarda Türk-Avusturya ilişkileri“ [Türkische und österreichische Beziehungen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert] statt. Prof. Markus Köhbach, Dr. Ernst Dieter Petritsch und ich nahmen an beiden Tagungen teil, worüber Prof. Köhbach einen Bericht in Travaux et Recherches en Turquie veröffentlichte. Die Referate des Istanbuler Symposiums behandelten das vielfältige Spektrum der österreichisch-osmanischen Beziehungen, Politik, Kunst, Literatur, Philosophie und Medizin; das Symposium in Ankara hingegen war ausschließlich auf historische Themen ausgerichtet. Hier will ich mich nach einem kurzen Überblick über die österreichisch-türkischen politischen und militärischen Beziehungen im 15. und 16. Jahrhundert mit dem gegenseitigen Kulturaustausch beider Länder befassen. Diese letzten Beziehungen spielten eine große Rolle, um das türkische Feindbild in Europa in eines der Freundschaft zu verwandeln.
Die österreichisch-osmanischen Beziehungen begannen bereits im 15. Jahrhundert: Es wird erwähnt, daß österreichisches Gebiet erstmals 1408, seit 1469 aber regelmäßig durch Raubzüge osmanischer Streifscharen (akıncı) heimgesucht wurde. Das erst genannte Datum ist meiner Ansicht nach fragwürdig. Während des Zusammenstoßes mit Timur bei Ankara wurde der osmanische Herrscher Bayezid I. besiegt und von Timur gefangen genommen. Bayezid I. starb im selben Jahr (1402). Von 1402 bis 1413 herrschte im Osmanischen Reich Verwirrung und Kampf zwischen den Söhnen des verstorbenen Sultans. Der spätere Sultan Mehmed I., der jüngste Sohn des osmanischen Sultans, konnte sich im Kampf gegen seine Brüder durchsetzen und das Reich wieder vereinen (1413). Bosnien wurde den Osmanen erst 1428 tributpflichtig und bis 1463 – ausgenommen Jajče – nahezu vollständig erobert. Jajče kam erst 1528 in osmanischen Besitz. Aus diesem Grund ist es meiner Ansicht nach unzuverlässig, den verheerenden türkischen Einfall von 1408 als wahr anzunehmen.
Schon bald nach den ersten Einfällen der Osmanen im 15. Jahrhundert bildete sich – eng verbunden mit der ständigen Furcht vor neuer Kriegsgefahr – ein Feindbild, das die gesamte Bevölkerung erfaßte, und dieses wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts weiterentwickelt. Es findet sich bis in das 18. Jahrhundert, dann gehörte es als Türkengefahr schon der Vergangenheit an.
Dr. Maximilian Grothaus’ Bemerkung über die Taten der türkischen Streifscharen ist sehr bedeutungsvoll. „Unmenschlichkeiten waren und sind in Kriegszeiten alltäglich. Das gilt für die Türken ebenso wie für die ‚christlichen‘ Heere. Aus vielen Quellen geht hervor, daß die Landbevölkerung von der eigenen Sodalteska oft ebenso betroffen war wie von den Streifzügen der Türken. Vielfach wußte man gar nicht, ob ein Dorf von den Türken oder eigenen Husaren in Brand gesteckt und ausgeraubt worden war. Ein Vergleich mit den Feindbildern anderer Regionen des deutschsprachigen Raumes (etwa bezüglich der Schweden oder Franzosen im Norden und Westen des Reiches) zeigt erstaunliche Parallelen, demzufolge sich ein Feindbild zeichnen ließe, das in vieler Hinsicht auf Schweden und Franzosen genauso zutrifft wie auf die Türken. Was die Türken von den anderen unterschied, war ihre Zugehörigkeit zum Islam. Dessen Ablehnung als ‚lächerlicher Aberglaub‘ war in allen Bildungsschichten vertreten und ein beherrschendes, lange nachwirkendes Haupthindernis für eine objektivere, den Tatsachen besser entsprechende Auseinandersetzung mit dem Orient.“
Ein anderer österreichischer Historiker äußert seine Meinung darüber mit folgenden Worten: „Die Glaubenskämpfe hatten weitaus stärkere Auswirkungen für die Bevölkerungsstruktur der österreichischen Länder als die Türkennot“.
Die Niederlage und der Tod des ungarischen Königs Lajos II. auf dem Schlachtfeld von Mohács im August 1526 machte das Haus Habsburg zu den eigentlichen Gegnern des Osmanischen Reiches. Von dieser Zeit an ist der Geschichtsverlauf Europas wesentlich durch die Konfrontation zwischen dem Sultan in Istanbul und dem Kaiser in Wien mitbestimmt, und damit begannen die diplomatischen Beziehungen zwischen Österreichern und Osmanen. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurde eine ständige österreichische Gesandtschaft in Istanbul unterhalten. Dagegen wurde die ständige diplomatische Vertretung des Osmanischen Reiches in Wien erst im Jahre 1836 eingerichtet. Von beiden Seiten wurden in wichtigen Fällen Sonderbotschafter entsandt – zum Beispiel um Thronbesteigungen der Sultane anzuzeigen, neuen Kaisern Glückwünsche zu übermitteln oder politische Forderungen vorzutragen.
Die Kulturkontakte zwischen der Habsburger Monarchie und dem Osmanischen Reich waren bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nur auf diplomatische Tätigkeiten beschränkt, und diese waren gering. Dabei hatten die kaiserlichen Gesandten und ihr Gefolge großen Anteil. Hier sollen nur zwei Beispiele angeführt werden: Ogier Ghislain de Busbecq war Humanist und ein hervorragender Diplomat, der im Dienst des Kaisers stand. Er wurde 1554 als Gesandter von Ferdinand I. zum türkischen Sultan nach Istanbul geschickt. Als er aber in Istanbul ankam, befand sich Sultan Süleyman auf einem Feldzug gegen Persien. Deshalb mußte Busbecq nach Amasya reisen, um den Sultan zu treffen. Unterwegs kam er nach Ankara, wo er das berühmte Monumentum Ancyranum entdeckte. Er kopierte Inschriften, sammelte Münzen und kaufte etwa 240 Handschriften für die kaiserlichen Sammlungen in Wien.
Als Busbecq 1562 nach Wien zurückkehrte, brachte er einige Teppiche, türkische Handarbeiten, einige Pferde von edler Rasse, sechs Kamelinnen, viele Blumenzwiebeln und Samen, wie Tulpen, Flieder u.a. mit. Der kaiserliche Hofgärtner Clusius wurde mit der Sorge für die Tulpen betraut. Als er aber 1587 aus religiösen Gründen Wien verlassen mußte, nahm er die Tulpen mit sich und züchtete in Leiden weiter. Etwa vor fünfzig Jahren kamen diese herrlichen Blumen wieder nach Hause und wurden in Emirgan am Bosporus angepflanzt.
Busbecqs Sendschreiben an den Kaiser enthalten ausführliche Berichte über das Osmanische Reich, seine Verwaltung, das Alltagsleben und die Sitten der Türken. Sie wurden später gedruckt und auch ins Türkische übersetzt.
Salomon Schweigger trat in Graz in die Dienste des evangelischen Freiherrn Joachim von Sinzendorff und reiste mit ihm als Gesandtschaftsprediger nach Istanbul, wo die Gesandtschaft zu Neujahr 1578 ankam.
Schweigger beginnt seine Reisebeschreibung mit seiner Abreise von Tübingen und schildert kurz seine Fahrt über Linz nach Wien. Er setzte mit einem Schiff auf der Donau über Komorn nach Gran über. In Komorn wurde die Gesandtschaft von den Türken freundlich empfangen. In Gran lernte Schweigger zum ersten Mal die türkische Küche kennen, und er gibt zu, daß es ihm mundete. Schweigger führte auf der Weiterreise eine genaue Beschreibung aller Orte mit sämtlichen Sehenswürdigkeiten an, in denen die Gesandtschaft ihren Aufenthalt nahm. Ab Belgrad verläßt man die Donau und fährt die alte römische Heerstraße entlang über Niş, Filibe und Edirne nach Istanbul.
Der Vorgänger von Sinzendorff ist David Ungnad, Salomon Schweigger ist der Nachfolger von Stephan Gerlach, der auch ein junger Tübinger Theologe bei David Ungnad war.
Schweigger widmete den zweiten Teil seines Buches ausschließlich seinem Aufenthalt in Istanbul. Er schilderte eingehend das Alltagsleben auf der kaiserlichen Botschaft, insbesondere bemühte er sich um eine genaue Darstellung der Zustände in der türkischen Hauptstadt: Ausführlich beschrieb er das türkische Serail, die anderen Paläste und „die türkischen Keisers Lustgärten“. Schweigger beschäftigte sich mit dem türkischen Gerichtswesen, dem Unterricht in den Schulen und den sanitären Verhältnissen in der Hauptstadt. Er beschreibt das griechische und armenische Patriarchat in Istanbul, die Nachbarstädte Istanbuls, Galata und Üsküdar. Er interessierte sich auch für die Sitten und Gebräuche, sowie die Kleidung in der osmanischen Hauptstadt.
Ab und zu wird erwähnt, daß Kaiser Ferdinand I. dem türkischen Sultan Süleyman 1541 als Geschenk ein Uhrwerk schickte, was am osmanischen Hof großes Interesse erregte. Deshalb brachten die österreichischen Gesandtschaften als Zeichen der kaiserlichen Verehrung nach Istanbul Uhrwerke mit. Schweigger lehnt ab, solche Sachen als Tribut anzunehmen. Er schreibt folgendes darüber: „Nun komm ich an die Keyserlichen Verehrungen, ich will nicht sagen Tribut oder Schatzung, dann es wer bewrisch, sondern ich will ihm ein Italienischen Namen geben: Present“.
Schweigger nennt uns die Liste dieser Verehrungen, welche Freiherr von Sinzendorff mit sich nach Istanbul brachte: Sie bestanden aus 67.000 Talern, 8 Uhrwerken und kostbarem Silbergeschirr u.a. Er berichtet uns weiter, was er über das Schicksal von Gold, Silber oder Metallwaren gehört hat. Die osmanischen Behörden waren erst damit zufrieden, aber sie ließen die Geschenke aus Gold und Silber schmelzen, um daraus Münzen zu schlagen.
Busbecq und Schweigger zeigen uns, wie ein habsburgischer Gesandter oder ein Angehöriger der Gesandtschaft neben ihren politischen Aufgaben und Tätigkeiten das Land und seine Bevölkerung erstaunlicherweise gut beobachteten.
Kommen wir nun über die osmanischen Gesandten zu sprechen, was sie in Wien gemacht und gesehen haben. Wir kennen als ersten Gesandtschaftsbericht (sefªret-nªme) das Schreiben von Kara Mehmed Pascha, der am 9. Juni 1665 mit seiner 295 Mann starken Gesandtschaft über Ofen und Esztergom nach Wien kam. Er wurde in zwei Stunden Entfernung von Wien freundlich empfangen und zog mit Sang und Klang beim Kärntnertor in Wien ein. Am 19. Juni überreichte er Kaiser Leopold I. den Brief des Sultans und Geschenke. Kara Mehmed Pascha blieb neun Monate lang in der österreichischen Hauptstadt und besichtigte auch die Umgebung der Stadt. Er interessierte sich aber besonders für die Befestigungen von Wien, wie er in seinem Schreiben (taqrÌr) an die Pforte berichtete.
Oft wurde Kara Mehmed Pascha in seiner Unterkunft (qonªq) von Adeligen besucht, die er mit Kaffee, Scherbet und Süßigkeiten bewirtete. So brachten die Türken erstmals den Kaffee nach Wien; das Kaffeehaus wurde jedoch erst zwanzig Jahre später von zwei armenischen Geschäftsleuten, Johannes Diodato und Isaak de Luca, in Wien etabliert. Der erstere war Wiens erster hofbefreiter Kaffeesieder und Patriarch der Wiener Armenier, der zweite war Wiens unbürgerlicher erster bürgerlicher Kaffeesieder.
Evliyª ÇelebÌ begleitete die osmanische Gesandtschaft von Kara Mehmed Pascha als Sekretär (kªtib). Die Orgel in St. Stephan, die Uhrwerke in den Wiener Kirchen, die Wassermühlen an der Donau haben ihn sehr begeistert. Er besichtigte auch die Wiener Hospitäler und schilderte die dortigen Verhältnisse besonders detailliert. Die technischen Leistungen und hygienischen Vorschriften in Wien anerkannte er lobend. Auch der Ordnung der Wiener Bücherei zollte der Weltenbummler Anerkennung.
Richard Kreutel und Karl Teply konnten beweisen, daß Evliyª ÇelebÌ sich wirklich in Wien aufgehalten hatte. Dafür danken wir diesen beiden verstorbenen bekannten Historikern.
Was bringt ein mit? Kara Mehmed Pascha erwähnt nicht in Einzelheiten, welche Geschenke er als türkischer Gesandter nach Wien mitbrachte, aber er teilte mit, daß die Übergabe der Verehrungen an den Kaiser Leopold I. fast eine Stunde in Anspruch nahm. Eine türkische Quelle berichtet uns, daß fünf persische kleine Teppiche (kalÌçe), zwanzig Gebetsteppiche (seccªde), vierzig Ehrengewänder (²Êil’at), ein wuqiyya Bernstein (amber), zwei arabische Pferde (küheylªn) mit Satteln und acht Reitpferde (yelegendest atları) unter den Geschenken waren.
Der türkische Gesandte Mustafa Hatti Efendi brachte 1748 sieben Reitpferde nach Wien mit, die er dem österreichischen Kaiser als Ehrengabe schenkte.
Kerstin Tomenendal erwähnt in ihrer Arbeit, daß die türkischen Gesandten oft Tiere als Geschenke nach Wien mitbrachten. Sie schreibt folgendes: „Kaiser Leopold I. erhielt zum Beispiel von der türkischen Gesandtschaft ein Gepardenpaar, das im Neugebäude untergebracht wurde. 1726 kamen Berberpferde aus Tripolis an den Kaiserhof. 1740 schickte der Sultan ein Kamel als Geschenk nach Wien“.
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wird in den kulturellen Beziehungen der Österreicher mit den Osmanen eine neue Phase eingeleitet. Die türkische Bedrohung ist in Europa längst beseitigt. Neue Türkenbilder tauchen mit exotischer Thematik auf. Es wird nun Mode, sich in türkischen Kleidern porträtieren zu lassen, so auch die Herrscherin Maria Theresia und ihre Tochter Maria Anna. Im Schloßpark von Laxenburg wurde in den Jahren 1787–1789 für Kaiser Joseph II. eine türkische Moschee erbaut. 1800 wurde im Theresiengarten zu Baden das sogenannte Kiosk des Türkenhauses errichtet, ein türkischer Brunnen, ein türkisches Wohnhaus und ein türkisches Kaffeehaus wurden auf dem Wiener Weltausstellungsgelände 1873 gebaut. All dies ist nicht mehr erhalten.
In Wien herrschte seit dem 14. Jahrhundert reges Interesse an den orientalischen Sprachen. Die österreichischen Gesandten, die Residenten in Istanbul und auch österreichische Reisende in den Orient begannen, orientalische Handschriften zu sammeln. Einer davon war Hieronymus Beck. Während seiner Reise über Zypern und Palästina nach Ägypten kaufte er alttürkische Handschriften, weswegen er zu den Mitbegründern der Orientalistik in Wien zu zählen ist. Beck hatte nach Lewenklau eine Geschichte des Osmanischen Reiches verfaßt.
Bis zum heutigen Tag gibt es in Wien eine sehr fruchtbare orientalistische Tradition. Die Werke von Joseph von Hammer-Purgstall stellen den Höhepunkt der Wiener Orientalistik dar. Hammer kam mit 15 Jahren aus Graz nach Wien, wo er zwischen 1789 und 1799 in der 1754 von Maria Theresia gegründeten Kaiserlichen Königlichen Akademie der Morgenländischen Sprachen Türkisch und Persisch lernte und die Akademie absolvierte. Er wurde 1799 nach Istanbul an die kaiserliche Internuntiatur versetzt. Er wollte von dort aus weiter nach Persien reisen, um seine sprachlichen Kenntnisse zu vertiefen. Während des Krieges um Ägypten zwischen Frankreich auf der einen, den Türken und Briten auf der anderen Seite blieb ihm jedoch die Vollendung seiner Fahrt bis Persien verwehrt. Er blieb bei der englischen Kriegsflotte als Dolmetscher und war der persönliche Begleiter von Sir Sidney Smiths. Hammer-Purgstall sammelte während seines Aufenthalts in Ägypten viele Handschriften und andere kostbare Materialien für die Kaiserliche Hofbibliothek in Wien. Als 1809 die Franzosen Wien einnahmen, nahmen sie einige orientalische Handschriften mit sich nach Paris. Aufgrund der guten Beziehungen des Orientalisten Hammer-Purgstall zu den französischen Gelehrten wurden besagte Handschriften sehr bald wieder retourniert.
Hammer kam im Sommer 1802 als Gesandtschaftssekretär noch einmal nach Istanbul. Von Mitte 1806 bis Mitte 1807 vertrat er sein Land in Iaşi als kaiserlicher Generalkonsul. Zwar fand er ab und zu einen Platz im diplomatischen Dienst, aber Hammer-Purgstall wurde vor allem als Historiker und Orientalist berühmt. Seine Geschichte des Osmanischen Reiches und andere Werke werden heutzutage immer als klassische Standardwerke angesehen. Er übersetzte viele türkische Werke – manchmal teilweise – ins Deutsche, wie z.B. die Reisebeschreibung von Evliyª ÇelebÌ und Cihannüma von Hacci Kalfa (Kªtib ÇelebÌ), wodurch diese Werke im Westen bekannt wurden.
Im 19. Jahrhundert und danach vermehrt sich der kulturelle Kontakt zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich durch österreichische Wissenschaftler, die aus verschiedenen Fächern abstammten. In der Heilkunde verdienen hier einige Namen besonders Beachtung: 1839 wird in Galatasaray eine neue medizinische Fakultät eröffnet. Auf Empfehlung von Fürst Metternich werden zwei österreichische Ärzte, nämlich Dr. Klaus Ambros Bernard und Dr. Jakob Neuer, und der Apotheker Anton Hofmann als akademische Lehrer ausgewählt. Dr. Bernard wird zum Direktor dieser Schule ernannt. Er reorganisierte diese Fakultät nach dem Muster der Josephs-Akademie in Wien. Für Lehrzwecke wurde ein botanischer Garten angelegt, dafür wurde auch ein Gärtner aus Wien angestellt. Die neue medizinische Fakultät besaß 1842 eine Bibliothek mit 1300 Bänden medizinischer Werke in französischer Sprache. Dr. Bernard lehrte dort Innere Medizin und Chirurgie. Er verstarb am 2. November 1844 36jährig in Istanbul. Sein Grab wurde erst von Cavid Baysun in der Kirche Santa Maria Draperis entdeckt, der die französische Grabinschrift kopierte. Semavi Eyice veröffentlichte diese Inschrift in seinem Aufsatz über Dr. Bernard. Auf Empfehlung des türkischen Sultans Abdülmecid wurde ein Werk von Dr. Bernard 1842 ins Türkische übersetzt: Les bains de Brousse un Bithynie (Turquie d’Asie) avec une vue des bains et un plan des environs. Dieses Buch wurde 1943 auch im neuen türkischen Alphabet publiziert: Ruşen Yücer, Bursa banyoları. Kaplıca risalesi.
Ein anderer Wiener Arzt, Dr. Sigmund Spitzer, wurde der Nachfolger des Verstorbenen. Er war seit 1839 an dieser Fakultät als Professor für Anatomie tätig. Nachdem er Sultan Abdülmecid von einer schweren lebensgefährlichen Krankheit geheilt hatte, wurde er 1845 zum Hofarzt ernannt. Er hatte auch die Mutter des Sultans erfolgreich behandelt, deswegen wurde ihm 1847 der osmanische Orden (imtiyaz nişanı) verliehen. Er kehrte 1850 nach Wien zurück, aber fuhr 1857 zwecks Behandlung des erkrankten Sultan Abdülmecid erneut nach Istanbul.
An dieser Stelle sollen zwei andere österreichische Mediziner Erwähnung finden: Dr. Lorenz Rigler wurde auf Ersuchen der osmanischen Regierung zur Reorganisation der militärischen Krankenhäuser nach Istanbul geschickt. Er kam mit einem Kollegen am 14. Oktober 1842 in der osmanischen Hauptstadt an und blieb ca. 14 Jahre lang in Istanbul. Rigler lehrte ab 1849 an der medizinischen Fakultät. Er ist der Verfasser eines zweibändigen Buches, das 1852 unter dem Titel Die Türkei und deren Bewohner in ihren naturhistorischen, physiologischen und pathologischen Verhältnissen vom Standpunkte Constantinopels in Wien erschien.
Der zweite Österreicher ist Dr. Karl Eduard Hammerschmidt, der 1848 wegen politischer Unruhen in Wien in die Türkei flüchtete. Er wurde an der Fakultät für Medizin als Professor ernannt. Während des Krimkrieges diente er in der osmanischen Armee. Nachdem Karl Eduard Hammerschmidt zum Islam übergetreten war, nahm er den Namen Abdullah an. Er war der eigentliche Gründer des Roten Halbmonds (Kızılay).
Auf dem Gebiet der Kunstgeschichte verdienen einige österreichisce Wissenschaftler besondere Beachtung, einer von ihnen ist Stryzygowski. Nach seiner Habilitation an der Wiener Universität 1890 kam er nach Istanbul und Iznik. Sein Arbeitsgebiet war zuerst Byzantische Kunstwerke und Mosaike. Er veröffentlichte deshalb eine Reihe von Werken unter dem Titel Byzantinische Monumente. Sein Buch Osten und Rom gab Anlaß zu heftigen Auseinandersetzungen: Er suchte den Ursprung der christlichen Kunst nicht in Rom, sondern in Alexandrien, Ephesos und Antiochia.
1909 wurde er von der Wiener Universität eingeladen, mit seinen Assistenten Ernst Diez und Heinrich Glück das Kunsthistorische Institut zu gründen. In den folgenden Jahren wurde er durch seine Methoden ein weltberühmter Kunsthistoriker. Seine Bedeutung für uns liegt darin, daß er die Anfänge der Kunst im Orient suchte und somit auch die Aufmersamkeit anderer Wissenschaftler auf dieses Gebiet lenkte. In seinem Buch Amida (Heidelberg 1910) führte er zum erstenmal in der Geschichte der Kunst neben der arabischen und persischen Kunst die türkische Kunst als eine dritte und unabhängige Quelle an. Seine beiden Assistenten wurden in der Folge weltbekannte österreichische Künstler.
Ernst Diez beschäftigte sich zuerst mit der byzantinischen Kunst, wählte aber später unter dem Einfluß von Friedrich Sarre die islamische Kunst. Er hatte 1915 Die Kunst der islamischen Völker veröffentlicht, dieses Werk gilt als Standardwerk. Sarre wurde 1943 von der Universität Istanbul eingeladen, ein Institut für Kunstgeschichte an der Literarischen Fakultät zu gründen. Unter seinen Schülern waren meine Kollegen Semavi Eyice, Oktay Aslanapa und Nurhan Atasoy.
Heinrich Glück hatte Interesse an der islamischen und insbesondere türkischen Kunst. Die Bäder Konstantinopels und ihre Stellung in der Baugeschichte des Morgen- und Abendlandes (Wien 1921), Die Kunst der Osmanen (Leipzig 1922) und Die Kunst der Seldschuken in Kleinasien und Armenien (Leipzig 1922) sind einige seiner wissenschaftliche Werke.
Katherina Ott-Dorn war ebenfalls eine Schülerin von Stryzygowski. Nachdem sie ihr Studium in Wien beendet hatte, habilitierte sie bei ihm. Sie gründete das Institut für Kunstgeschichte an der Universität Ankara und bildete 12 Jahre lang hervorragende Kunsthistoriker aus.
Die Donau-Monarchie und das Osmanische Reich waren während des Ersten Weltkriegs Verbündete. Das erste Ölportrait von Mustafa Kemal Pascha (Atatürk) wurde 1916 vom Wiener Wilhelm Viktor Krausz gemalt. Kemal Pascha kommandierte damals eine Gruppe türkischer Soldaten in Anafartalar an der Nordküste der Gallipoli-Halbinsel.
Nach dem Krieg erlebten beide Staaten dasselbe Schicksal, Zusammenbruch des Reiches und Gründung einer neueren Republik. Beim Wiederaufbau der türkischen Republik nahmen österreichische Fachmänner, Künstler und Architekten großen Anteil. In den ersten Jahren der türkischen Republik waren viele österreichische Forstingenieure bei türkischen Waldausnutzungsgesellschaften tätig. Bei der Projektierung und technischen Leitung der Eisenbahnbauarbeiten wurden zahlreiche fremde Ingenieure, darunter viele Österreicher in Verwendung genommen.
Viele österreichische Architekten standen in dieser Zeit ebenfalls in türkischem Dienst. Einer davon war Clemens Holzmeister, der auf Einladung Atatürks 1927 in die Türkei kam, um in Ankara die neuen Regierungsbauten zu planen. Das Haus Atatürks in Çankaya, mehrere Ministeriumsbauten, sowie einige öffentliche Bauten und das neue Parlament sind seine bekanntesten Werke. Er arbeitete an der Architekturfakultät der Technischen Universität Istanbul neun Jahre lang als Professor (1940–1949).
Wilhelm Schütte war Spezialist für Schulbauten und wurde 1938 vom türkischen Ministerium für die nationale Erziehung in die Türkei eingeladen. Er blieb bis 1944 in der Türkei.
Der Wiener Bildhauer Heinrich Krippel errichtete in verschiedenen Städten der Türkei Denkmäler Atatürks, darunter auch das Siegesdenkmal in Afyon (1936). Die Werke von Anton Hanak und Thorak seien hier noch erwähnt.
Der Direktor der österreichischen Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst, Professor Dr. Josef Marx, wurde 1930 zur Reorganisierung des Konservatoriums in Istanbul beauftragt.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden auf Empfehlung Dr. Spitzers vier der besten Studenten der letzten Klasse der medizinischen Fakultät Galatasaray nach Wien geschickt, um an der Wiener Josephs-Akademie zu promovieren.
Während des Ersten Weltkriegs wurden etwa 22 Jünglinge aus den verschiedenen Teilen des Reiches in bezug auf landwirtschaftliche Ausbildung nach Österreich geschickt. 1914 gingen zwei Brüder nach Wien, um dort Musik zu studieren. Beide kehrten nach ihrem zehnjährigen Aufenthalt in Wien nach Istanbul zurück, wo sie in das Konservatorium als Lehrer für Violine (Sezai Asaf) und für Violoncello (Seyfettin Asaf) ernannt wurden.
In der Zeit der Republik wurden viele Türken in Wien im Fachbereich Musik ausgebildet, darunter Necil Kazım Akses (1926), Hasan Ferit Alnar (1927), und Semih Argeşo (1935). Der bekannte türkische Kunsthistoriker Oktay Aslanapa hatte auch 1943 an der Wiener Universität promoviert.
Ich will meine Rede mit einem Zitat vom Werk des ehemaligen österreichischen Gesandten August Ritter von Kral in Ankara schließen: „Österreich und die Türkei unterhalten beste Beziehungen, welche der Entwicklung und Pflege der beiderseitigen ökonomischen und kulturellen Interessen in erfreulicher Weise zustatten kommen.“ Diese Äußerung August Ritter von Krals aus dem Jahr 1935 trifft auch auf die heutige Situation zu: Meiner Ansicht nach haben daran die türkische Gemeinde als Unternehmer, Gastarbeiter und Studenten in Österreich und das österreichische Kulturinstitut, sowie die Österreichische Schule in Istanbul und auch meine Kollegen in Wien Anteil.

 
Die Intensivierung österreichisch-türkischer Wissenschafts-, Kultur- und Bildungskooperationen nicht nur auf bilateraler Basis sondern auch im Kontext der Europäischen Union stellt die prioritäre Aufgabe des OTW dar. Denn: Das Wissen wird größer, je öfter man es miteinander teilt.