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| News / Wissenschaft | |
| 4. Februar 2004 - 16:57 | |
| ZUM ANDENKEN AN ANDREAS TIETZE (1914-2003) | |
| Nachruf von Dr. Helga Anetshofer-Karateke
Cambridge, MA | |
| Der berühmte österreichische Turkologe Prof. Andreas Tietze verstarb im 90. Lebensjahr am 22. Dezember 2003 in Wien. Mit ihm geht nicht nur der Fachwelt ein hervorragender Wissenschaftler und unerreichter Kenner der türkischen Sprache, Literatur und Kultur verloren sondern auch allen, die ihn kannten, ein außerordentlich liebenswürdiger Mensch. Während er in Wien von seinen Freunden, Schülern und Kollegen still betrauert wird, wurde die Nachricht von seinem Ableben mit Würdigungen seines Lebenswerks in zahlreichen türkischen Zeitungsartikeln gebracht. Schüler und Kollegen aus den USA und Deutschland gaben online ihrer Trauer und Verbundenheit mit dem verehrten Lehrer Ausdruck. Wer - wie unsere Wiener Gruppe - das Glück hatte, ihn als Lehrer oder wissenschaftlichen Betreuer zu erleben, verbleibt in ewiger Bewunderung sowohl seines enormen Wissens als auch seiner bescheidenen Art im Umgang mit anderen Menschen. Die große Wertschätzung seiner Schüler und Kollegen äußert sich auch darin, daß ihm zu Lebzeiten gleich drei Festschriften gewidmet wurden (Wien 1986, Istanbul und Washington 1993, Prag 1994). Er interessierte sich für die Meinung und Arbeiten seiner Fachkollegen ebenso wie für die seiner Studenten, in gleicher Weise achtete und unterstützte er den Einsatz von Enthusiasten ohne philologische Ausbildung - z.B. das lexikographische Projekt eines kurdischen Ingenieurs oder die Beschäftigung einer Nachbarin mit ihrer Roma-Muttersprache. Andreas Tietze wurde am 26. April 1914 als Sohn des prominenten Kunsthistorikerehepaars Hans Tietze und Erica Tietze-Conrat in Wien geboren. 1932-1937 studierte er in Wien und Paris Geschichte und Sprachen des Balkans. 1937 promovierte er an der Universität Wien. Bereits 1936 hatte er zusammen mit drei Freunden eine erste abenteuerliche Reise nach Anatolien unternommen (siehe dazu auch www.let.leidenuniv.nl/tcimo/tulp/Research/diaries.htm ). 1937 übersiedelte er nach Istanbul, wo er mit einer einjährigen Unterbrechung von 1938-58 lebte und an der Universität Istanbul Deutsch und Englisch lehrte. 1938 sah sich seine nahe Familie schließlich gezwungen, Österreich zu verlassen. Seine Eltern verbrachten den Rest ihres Lebens im Exil in den USA. In Istanbul verkehrte Andreas Tietze mit westlichen Orientalisten wie mit türkischen Literaten und Intellektuellen und publizierte in europäischen und türkischen Fachzeitschriften. Aus seiner Ehe gingen vier Kinder hervor, von denen heute eines in den USA und drei in Wien leben. Nach seiner Tätigkeit als Assistenzprofessor an der Universität Illinois 1952-53, übersiedelte die Familie schließlich 1958 nach Los Angeles, wo Andreas Tietze als Professor für Turkologie an der Universität California (UCLA)zu wirken begann. Während seiner Tätigkeit bis 1973 veröffentlichte er neben seinen ausgezeichneten und viel verwendeten Türkisch-Unterrichtsmaterialien eine Reihe von wichtigen Monographien, die heute noch Gültigkeit haben (Studien zum türkischen Schattentheater, Sammlungen historischer und moderner türkischer Rätsel, eine etymologische Untersuchung des nautischen türkischen Vokabulars). Außerdem veröffentlichte er eine Reihe von Artikeln zur türkischen Lexikologie, insbesondere über griechische, slawische, arabische und persische Lehnwörter im Türkischen. Fließend in Türkisch, war er auch - mit der Ausnahme von Ungarisch - sämtlicher Sekundärsprachen mächtig. Viele seiner Studenten sind heute Professoren an Universitäten weltweit. Nach einer einjährigen Gastprofessur (1971/72) am Institut für Orientalistik der Universität Wien, kehrte er 1973 endgültig nach Wien zurück und wurde Inhaber des Lehrstuhls für Turkologie. In der Zeit bis zu seiner Emeritierung war er in Forschung und Lehre sehr aktiv. Richtungsweisend waren seine Editionen mehrerer Werke von Mustafa Ali, eines historisch wie literarisch wichtigen osmanischen Historikers des 16. Jahrhunderts. Seine zahlreichen Artikel zur osmanisch-türkischen Literatur und Sprache sind Basislektüre für alle, die sich auf diesem Gebiet betätigen. 1975 begann er die jährlich erscheinende erste turkologische Bibliographie (Turkologischer Anzeiger) herauszugeben, die außer westlichen Publikationen auch systematisch die Publikationen in den meisten Sprachen der Nachfolgestaaten des osmanischen Reiches erfaßte. Auch nach seiner Emeritierung (1984) lehrte er weiter an der Universität Wien. Dadurch kam auch ich in den frühen 90er Jahren in den Genuß, seine Seminare zu türkischer Sprache wie osmanischer Literatur besuchen zu können. Vor 1995 begann er seine über die Jahrzehnte eines Forscherlebens in Form eines Zettelkatalogs angesammelte türkisch-osmanische Lexik zur Veröffentlichung zu bearbeiten. Langjährige Mitarbeiter an diesem Projekt eines Historisch-Etymologischen Wörterbuch des Türkei-Türkischen waren Ben Tietze, Sena Dogan, Kerstin Tomenendal, Inanc Atilgan, Diana Karabinova und ich. Obwohl Prof. Tietze in seiner Arbeit bis zum Buchstaben S vorgedrungen war, ist bis jetzt nur der erste Band (A-E)veröffentlicht. In Tietzes Sinne ist zu hoffen, daß das Prokjekt auch weiterhin von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Fonds zur Wissenschaftlichen Forschung unterstützt wird, damit das Lebenswerk des berühmten Gelehrten vollständig veröffentlicht werden kann. | |
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