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Projekte und Aktivitäten / Forschungen
10. Mai 2004 - 9:32
Forschungsprojekt Postkarten
Postkarten im Ersten Weltkrieg: Studie über den Imagewechsel der Türkei anhand von Propagandamaterial aus dem Ersten Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg im Spiegel von Postkarten: Das Bild der Türkei

Die jüngsten Ereignisse in der Türkei haben gezeigt, daß die im November 2002 neu gewählte Regierung in diesem laizistischen Land Kurs genommen hat auf einen EU-Beitritt der Türkei, da Europa für ein globales Modell einer offenen und multikulturellen Gesellschaft steht, das Kulturgrenzen überwindet. Trotz der gegenwärtigen Defizite, die der Türkei vorgehalten werden, ist zu beachten, daß die westlichen Werte in der Türkei verfassungsmäßig verankert sind und auch gesellschaftlich ausreichende und zunehmende Anwendung finden. Kein anderer EU-Kandidat unternimmt derartig große Bemühungen wie die Türkei, die eigene Kulturgrenze zu überwinden, um ein Teil Europas zu sein.

Bereits in der Zeit des Ersten Weltkrieges gab es einen Versuch, die Türkei in die „europäische“ Welt zu integrieren, als diese im ausgehenden Jahr 1914 auf Seite der Mittelmächte in das Kampfgeschehen aktiv eintrat. Verbunden mit diesem Ereignis zeichnet sich in den Propagandainstrumenten aus dieser Zeit stark die Bemühung ab, die Türkei und damit den Islam „salonfähig“ zu machen, dem österreichischen und deutschen Alltagsmenschen geläufig darzustellen und so als Freund und Verbündeten „akzeptabel“ zu präsentieren.

Der Erste Weltkrieg wird in der einschlägigen Fachliteratur immer wieder als Krieg der Kulturen bezeichnet, als Krieg der Kulturen für die Behauptung der eigenen Nationalkultur gegenüber dem Ansturm alternativer, national geprägter Geisteskulturen, die sich in den Hinterlassenschaften aus dieser Zeit klar abzeichnen. Ganz allgemein betrachtet bilden sich in vielerlei Hinsicht neue Mitteln, Strategien und Technologien während des Ersten Weltkriegs heraus, die für die Entwicklungen der Neuzeit wegweisend wurden, für die vorliegende Arbeit bedeutsam vor allem der Beginn von psychologischer Kriegsführung, die während der Kriegsdauer durch Propaganda ihren wesentlichen Wandel durchmachte, sich systematisierte und perfektionierte.

Mit dem Ersten Weltkrieg ist darüber hinaus durch das Einsetzen von Massenkommunikation noch ein weiterer wesentlicher Schritt in der Geschichtsforschung gesetzt, da nun der Alltag des einzelnen durch schriftliche Zeugnisse faßbar wird und die neue Mobilität durch die Ereignisse kommunikative Perspektiven und Interessen mit sich brachte, auf denen der spätere Öffentlichkeitssinn aufbaute.

Ziel des vorliegenden Buchprojektes ist es keinesfalls, die Ereignisse des Ersten Weltkriegs erneut zu bearbeiten, sondern im Gegenteil die Postkarte als bildliches Medium zu betrachten und damit einhergehend als wertvolle Primärquelle für Mentalitätsgeschichte und Zeitgeistforschung. Die Kriegspostkarte präsentiert sich dem Betrachter als Spiegel, als Stimmungsbild, das einen Eindruck über das damalige Verständnis der Zeit, des Lebens und Denkens unter Berücksichtigung der "kulturellen Codes" der Zeit vermittelt. Weiters ist mit diesem Material der Imagewandel des Türken vom Erbfeind über den Exoten zum Verbündeten zu dokumentieren und die Sicht des Anderen aus österreichisch-ungarischen-deutschen Augen zu deuten. Interessant ist dabei der Aspekt, daß die Postkarten vora llem von privaten Verlagen erzeugt wurden, die keine staatlichen Richtlinien, was sie zu erzeugen hatten, erhielten und so ihre eigenen "Bilder im Kopf", die natürlich stereotypisiert sind und in diesem SInne der historischen Stereotypenforschung zu unterziehen sind, darstellten. Insbesondere der Anteil der alten Donaumonarchie ist hier prioritär anzusprechen, da dieses Staatsgebilde zahlreiche Parallelen zum Osmanischen Reich – vor allem was ihren Status als Vielvölkerreich anbelangte – aufwies.

Das Bündnis zwischen Österreich-Ungarn, Deutschland und dem Osmanischen Reich, ab 1917 auch Bulgarien, läßt sich mit mannigfaltigen zeitgenössischen Materialien wie Büchern, Plakaten, Broschen, Vignetten, Keramik, Porzellan, Briefmarken, Postkarten etc. belegen, das vorliegende Projekt konzentriert sich jedoch hauptsächlich auf das Propagandamedium Kriegspostkarte, und auch hier ist eine strikte Einschränkung in der großen Bandbreite von Propagandamaterial in diesem großen Gebiet vorgenommen: die Darstellung des Treuebündnisses von Österreich-Ungarn mit dem Osmanischen Reich.

Woher werden die Postkarten für dieses Projekt bezogen?

Grundlage für das zu untersuchende und analysierende Postkartenmaterial ist die Sammlung Tomenendal-Atilgan, die seit 8 Jahren aufgebaut wird und mittlerweile 450 einschlägige Karten zu dieser Thematik umfaßt. Diese Sammlung ist in der Welt einzigartig, da der Fokus auf ein sehr bestimmtes Detail ausgerichtet ist.

Wie wird das vorhandene Postkartenmaterial eingeteilt und aufbereitet?

Das Postkartenmaterial wird in unterschiedliche Kategorien eingeteilt, wobei die Grenzen dieser Kategorien in einen Fällen als fließend zu bezeichnen sind.

1. Vexillologische Karten mit Propagandasprüchen/Gedichten

2. Darstellung von berühmten Persönlichkeiten
a. Herrscherhaus (Monarchen, Thronfolger)
b. Feldherren
c. Nationalsymbole und Gestalten (Nibelungenlied; Prinz Eugen, Germania, Austria, Siegfried, der deutsche Michel)


3. Motive mit Menschen- bzw. Tierdarstellungen
a. Soldaten
b. Frauen
c. Kinder
d. Familie
e. Tiere (Hunde, Katzen)

4. Glückwunschkarten / Grußkarten
a. Weihnachten
b. Neujahr
c. Ostern
d. Pfingsten
e. Krampus
f. Namenstag
g. Geburtstagswünsche

5. topographische Karten

6. Karikatur / Spottkarten

7. Feldpost

8. Kriegsanleihe

9. Anlaß- / Ereigniskarten

10. Kriegsschauplatz

11. Varia

12. Karten der Ententemächte bzw. neutralen Staaten

Jede dieser angesprochenen Kategorien wird kommentiert, so notwendig, werden zu den einzelnen Postkarten weiterführende Anmerkungen eingearbeitet. Ein Index zu den Postkarten, den ausführenden Künstlern (von denen einige Karriere als Kriegsmaler im Kriegspressequartier [KPQ] machten) sowie den Verlagshäusern wird am Ende des Buches aufscheinen.


Welche Kapitel wird es neben der Darstellung der Postkartensammlung geben?

Geplant sind folgende, für das Verständnis der Materie notwendige Übersichtskapitel:

Kurzdarstellung der österreichisch-türkischen Beziehungen bis zur Jetztzeit
Einführung in die Mentalitätengeschichte und den „Zeitgeist“ des Ersten Weltkrieges, was für eine ikonologische Untersuchung des Postkartenmaterials eine Grundvoraussetzung darstellt;
Geschichte der Propaganda und Mittel derselben;
Geschichte der Postkarte;
Geschichte des Bildes über die Türkei bzw. der Türken unter Zuhilfenahme der historischen Stereotypenforschung.

Die Studie wird abgerundet durch eine Auswertung der Forschung, Bibliographie sowie Personen- und Sachregister.