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Publikationen / Rezensionen
29. Jänner 2003 - 20:54
Buchrezension
Steinbach, Udo: Geschichte der Türkei, München 2000
In: C.H. Beck Wissen in der Beck’schen Reihe; 2143.
Die Türkei ist als ein zum orientalischen Kulturkreis gehörender Bestandteil Europas vor allem aufgrund ihres verwestlichten Charakters immer wieder im Mittelpunkt europäischer Studien. Die türkisch-europäischen Beziehungen können im Laufe der Jahrhunderte, bzw. seit dem Auftauchen der Türken im Anatolien des 11. Jh.s und ihrem Fußfassen in Europa in der Mitte des 14. Jh.s, oberflächlich in zwei Kategorien eingeteilt werden: Bis zur Zweiten Belagerung Wiens bedeuteten die Türken eine Bedrohung für das christliche Abendland. Nach dem Wendepunkt vor Wien dauerte es eine Weile, bis die Europäer in den Türken nicht mehr das Bedrohliche sondern das Exotische zu sehen begannen, bis sie schließlich das Osmanische Reich nicht mehr aus der europäischen Politik ausschlossen, sondern es parallel zu ihren politischen Interessen zumindest als „Problemkind“ in der Neugestaltung ihres Kontinents berücksichtigten. Als Ergebnis der europäischen Politik ging das Osmanische Reich – verursacht durch innerliche und äußerliche Umstände – gemeinsam und zeitgleich mit einigen mitteleuropäischen Reichen in einem europäischen Bündnis nach dem Ersten Weltkrieg unter. Die Anfang des 19. Jh.s beginnende und sich mit den Tanzimat 1839 konkretisierende Europäisierung der Türkei setzte sich mit der Gründung der Republik um so intensiver fort und wurde in jedem Bereich des türkischen Lebens zur Basis. Diese Reformation der Lebensweise in der Gesellschaft brachte einerseits die Türkei dem modernen Europa näher, anderseits jedoch auch ihre eigenen Probleme mit sich. Ein natürliches Resultat all dieser Entwicklungen war die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der europäisch orientierten Republik Türkei am 12. September 1963 (taggenau 280 Jahre nach dem Wendepunkt vor Wien). Das besprochene Buch bearbeitet diese Thematik in seiner Grundaussage, nämlich die türkisch-europäischen Beziehungen in all ihren Facetten und Aspekten.

Es gibt zwar viele Arbeiten zu den einzelnen Bereichen der Geschichte der Türkei, aber keine allgemeine, kurze Darstellung der Geschichte des Landes in einem geschlossenen Kontext. Wenige Historiker wagen den Versuch eines solchen komplexen Unterfangens. Mit der vorliegenden Arbeit bezweckt der Direktor des Deutschen Orient-Instituts Udo Steinbach ein kurzes Kompendium zu der türkischen Geschichte unter besonderer Berücksichtigung ihrer Beziehung zum Westen, das einem breiten Leserkreis zugänglich gemacht werden soll. Bei diesem Werk handelt es um ein Buch, das von der Fachwelt – außer für eine Vorinformation oder kurze Einführung in die Materie – nicht benützt werden kann.

„Mit der Entscheidung, die Türkei zu einem Kandidaten für eine Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union zu machen . . .“ (Umschlagtext) ist die Republik Türkei in aller Munde, und in der Wende in ihrem Status liegt auch die Hauptbegründung, warum dieses Buch geschrieben wurde. Im deutschsprachigen Europa ist ein großes interessiertes Publikum vorhanden, dem dieses Taschenbuch zur ersten Orientierung dient. Udo Steinbach bemüht sich vordergründig darum, die soziopolitischen Entwicklungen in der Türkei seit ihrer Gründung für seine Leser so knapp wie möglich zu analysieren. Es wäre nicht möglich, das zu bearbeitende Thema noch kürzer darzustellen.

In jedem Buch finden sich technische Fehler wie Tippfehler oder Inkonsequenzen in der Wiedergabe von Fremdwörtern; diese werden in dieser Buchbesprechung beiseite gelassen. In diesem Rahmen sollen inhaltliche Bemerkungen nicht ausbleiben: Es gibt in dem Buch kaum einen politischen Punkt, der nicht zumindest erwähnt wurde. Interessant ist jedoch, daß die überaus wichtige Position und Involvierung der Türkei in den lange andauernden Krieg zwischen Iran und Irak, den man weltweit verfolgte, überhaupt nicht berücksichtigt wurde. Im großen und ganzen gelingt es dem Autor, viele komplizierte Zusammenhänge aus europäischer Sicht begründend zu analysieren. Die Behandlung der Hatay-Frage auf Seite 39 erweckt beim Leser den Eindruck, daß nur die Franzosen die Entscheidungsgewalt über das Territorium gehabt hätten. An dieser Stelle hätte Udo Steinbach auf jeden Fall näher darauf eingehen müssen, warum der unabhängige Staat von Hatay sich an die Türkei anschloß. Im Zusammenhang mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches vermittelt der Autor das Gefühl, als wäre es ohne externe Einflüsse allein aus internen Gründen untergegangen. Europäische Parallelentwicklungen, die dem besseren Verständnis des historischen Kontexts förderlich gewesen wären, wurden zumeist nicht berücksichtigt; z.B. wird der Berliner Kongreß nur in Klammern erwähnt (Seite 18). Ein wichtiger Aspekt der Sozialgeschichte der neu gegründeten Republik Türkei ist trotz des Gesamtcharakters des Buches völlig ausgespart: Der Verfasser fand nicht erwähnenswert, daß die junge Republik Türkei eine Population von nur noch 13 Millionen Menschen hatte und die Kriege über 10 Jahre dauerten. Die Berücksichtigung solcher Fakten würden dem Leser die Analyse bzw. Interpretation leichter ermöglichen.

Der Verfasser übersieht öfters – höchstwahrscheinlich aus Platzmangel –, daß die mit der Geschichte der Türkei weniger gut oder gar nicht vertrauten Leser den Kontext nicht verstehen können, wenn er auf nähere Erläuterungen verzichtet, wie z.B.: Warum haben die Islamisten mit den Kurden sympathisiert? Dieses Thema ist auch auf Seite 34 mangelhaft ausgeführt, und wegen der fehlenden notwendigen Erklärungen kann man den eigentlichen Zusammenhang nicht verstehen.

Ein derart anerkannter Historiker hätte den wichtigen Punkt mit der Bezeichnung türkische „Minderheit“ auf Zypern nicht übersehen dürfen (Seite 51). Die türkische Bevölkerung auf der Insel stellt gemäß der zypriotischen Verfassung von 1960 keine „Minderheit“ dar, sondern ist Mitbegründer des Staates! Obwohl auf Seite 23 der fünfte der Pariser Vorortsverträge, die den Ersten Weltkrieg abschlossen, nämlich der Vertrag von Sèvres, ausreichend behandelt wird, findet sich nirgendwo die Erwähnung, daß dieser Vertrag von dem damals schon etablierten Parlament in Ankara nicht anerkannt wurde.

Für den Verfasser hat die Kurdenfrage in der Türkei einen besonderen Stellenwert. Die Schußfolgerung, daß diese Thematik im Verhältnis zu anderen, ebenso wichtigen Themen zu stark in den Vordergrund gestellt ist, läßt sich auch relativ aus der Literaturliste von den Werken, die den gesamten Ablauf der türkischen Geschichte darstellen sollen, herauslesen. Nach einer genauen Untersuchung der Lage der Kurden in der Türkei verzichtet Udo Steinbach erstaunlicherweise auf zwei mit der Frage in Verbindung stehende wesentliche Punkte: Während auf Seite 115 ausführlich über das Bewässerungsprojekt in Südostanatolien (GAP) berichtet wird, fällt kein Wort über die positiven Ziele des Projektes. Obwohl es vom Kontext her dazu passen würde, wird auf Seite 116 die Beziehung zwischen dem PKK-Terror und dem dadurch entstandenen Schaden in der Tourismusbranche überhaupt nicht erwähnt.

Das Werk stellt – in Anbetracht dessen, wie schwierig es ist, die Geschichte eines Staates in einem kurzen Abriß wiederzugeben – auf jeden Fall eine Bereicherung dar. Trotz oben angesprochener Kritikpunkte möchte ich bemerken, daß diese schwierige Arbeit von Steinbach erfolgreich dargestellt wurde. Die Stärke dieses Taschenbuches liegt darin, daß es trotz seines kleinen Umfangs eine kompakte Arbeit darstellt, die ihr Ziel für den europäischen Betrachter erfüllt. Es ist jedem Historiker klar, daß das Studium der Geschichte von bilateralen Beziehungen (in unserem Fall zwischen EU und Türkei) nicht objektiv sein kann, da jede Seite das Thema aus einem sehr unterschiedlichen Blickwinkel betrachtet.

Mag. Inanc Atilgan
erschienen in Österreichische Osthefte. Zeitschrift für Ost-, Mittel- und Südosteuropaforschung (Jahrgang 43. Wien 2001, p. 115–117)