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Ein besonderes Kapitel der Orientalistik in Wien.
Bevor die k.k. Orientalische Akademie als Institution in Wien etabliert wurde, mußte man Dolmetscher aus anderen Ländern einsetzen. Dieses Procedere hatte nicht viel mit Geheimhaltung zu tun, weil diese Übersetzer meist auch Spione waren. Rym von Estbeck, ein österreichischer Gesandter, kam 1569 nach Konstantinopel, bemerkte die Nachteile des Dolmetschwesens und wies auf die Notwendigkeit, für das Übersetzerwesen Inländer auszubilden, hin. Daraufhin wurde den Gesandten junge Männer mitgegeben, die die Sprache erlernen sollten, und dieses System zeigte in kurzer Zeit Erfolge, so zum Beispiel im Druck der türkischen Grammatik „institutiones linguae turcicae libri 4“ von dem Grazer Hofhistoriograph Hieronymus Megiser, 1612. Seine Grammatik wurde in Leipzig gedruckt.
Die ausländischen Übersetzer sollten nun durch Personen aus dem eigenen Land ersetzt werden, die aber für die Aufgabe erst herangezogen und speziell ausgebildet werden mußten. Erste Schritte in diese Richtung erfolgten durch die Polen unter König Siegmund im Jahre 1621: man schickte junge Männer nach Konstantinopel, um die osmanisch-türkische Sprache zu erlernen, unter anderem auch den späteren Polenkönig Jan III. Sobieski, der an der Entsatzschlacht um Wien entscheidend mitwirkte, und seinen Bruder Markus. Des weiteren gründeten die Franzosen (1669/70 unter Ludwig XIV., dem Sonnenkönig) und die Österreicher (1674 unter Leopold I.) im Osmanischen Reich Sprachknaben-Institute.
Ein „Nachteil“, der sich aus einem Sprachknabeninstitut in Istanbul aus Sicht der Österreicher ergab, war, daß die Schule zu wenig gut organisiert war und die Sprachknaben sich zu sehr in den Orient integrierten, sprich, sich der Heimat entfremdeten. Ein Brief des Hofkriegsrates im Namen von Maria Theresia vom 20. April 1753 beorderte die Zöglinge unter anderem deswegen nach Hause zurück und besagte weiters, daß acht der Sprachknaben in einer eigens für sie zu gründenden Schule unterrichtet werden sollten.
Graf Kaunitz hatte den Vorschlag, eine Akademie zu gründen, Maria Theresia 1753 unterbreitet. Mit der Ausarbeitung des Projektes wurde der Jesuiten-Pater Josef Franz – Erzieher von Maria Theresias Sohn Joseph, dem späteren Kaiser Joseph II. – beauftragt. Der Pater hatte einige Zeit als Sekretär des Gesandten Anton Graf Uhlenfeld in Konstantinopel verbracht und beherrschte das Türkische. Der Unterricht sollte einem Direktor und zwei Präfekten unterstehen, jährlich sollten Prüfungen abgenommen werden.
Maria Theresia erklärte sich einverstanden, und im September 1753 wurde eine k.k. Resolution über die Gründung der Orientalischen Akademie unterzeichnet. Am 1. Jänner 1754 wurde diese unter der Direktion von Pater Franz in der Jacobergasse 3 eröffnet. Das Ziel der Akademie war es, die Zöglinge nach einer fünf Jahre dauernden Ausbildung als Beamte in die levantinischen Seehäfen zu schicken, sie in den Grenzprovinzen als Konsuln einzusetzen, im Orient als Dolmetscher zu verwenden und in den diplomatischen Dienst zu integrieren. Ende des 18. Jahrhunderts waren die Österreicher dank jener Akademie so weit, ohne jegliche fremde Hilfe sämtliche notwendige Ämter mit ihren eigenen Beamten zu besetzen. In der Folge konnten Diplomaten von Österreich-Ungarn bis zum Jahr 1918 auf eine Ausbildung in den orientalischen Sprachen, hier vor allem Türkisch, zurückgreifen. Dies war natürlich den Beziehungen zwischen Österreich und dem Osmanischen Reich sehr förderlich.
Das Projekt war von Erfolg gezeichnet, und viele ausgezeichnete Orientalisten und Diplomaten stammten aus der Akademie. Unter Direktor Franz Höck entstand ein weiterer Höhepunkt, der unter anderem an der Neuauflage 1780 des Wörterbuch von Franz von Mesgnien von Meninski mitarbeitete und auch eigene Werke verfaßte. Die Neuauflage des ersten Bandes des Wörterbuches im Auftrag von Kaiserin Maria Theresia leitete Bernhard von Jenisch (1734-1807), der sich unter den ersten acht Zöglingen der k.k. Orientalischen Akademie befunden hatte. Besonders ein Schüler von Höck ist bis in die heutige Zeit weltweit sehr gut bekannt, es handelt sich hierbei um den Altmeister der Orientalistik, Joseph von Hammer-Purgstall.
Unter der Direktion von Heinrich Barb, dem Direktor der Orientalischen Akademie, wurde 1851 eine k.k. Öffentliche Lehranstalt für orientalische Sprachen in Wien etabliert. Diese war jedermann zugänglich und konzentrierte sich in ihrem Lehrplan auf die modernen Sprachformen des Arabischen, Persischen und Osmanisch-Türkischen und entsprach so in etwa einer Dolmetschausbildung der heutigen Zeit. Die Lehranstalt schloß 1948 ihre Pforten.
Zu Ehren des Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall wurde 1958 die Österreichische Orientgesellschaft, auch Hammer-Purgstall-Gesellschaft (kurz HPG) in der Dominikaner-Bastei 6 im 1. Wiener Gemeindebezirk gegründet, an der orientalische Sprachen gelehrt werden. Auf Initiative der HPG wurde 1962 die Orient-Akademie gegründet. Die HPG verfügte von 1960 bis 1971 über ein eigenes Publikationsorgan, eine vierteljährlich erscheinende Fachzeitschrift mit dem Namen Bustan (Persisch für „Garten“).
(Quelle: Kerstin TOMENENDAL: Das türkische Gesicht Wiens. Böhlau Verlag. Wien 2000, p. 63-66.)
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